Gesetz zur Reform der Notfallversorgung

Tagesordnungspunkt 8a · 21/102 · 15. Oktober 2026

Alterssicherung der LandwirteAmbulante BehandlungArzneimittelgesetzArzneimittelkostenArzneimittelversorgungAufwendungsausgleichsgesetzBetäubungsmittel-AußenhandelsverordnungBetäubungsmittelgesetz
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JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Guten Morgen, alle zusammen! Hiermit eröffne ich unsere Sitzung. Es ist die 102. Sitzung. Bevor wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, in die Tagesordnung eintreten, haben wir noch einige Wahlen gemeinsam durchzuführen. Es geht zunächst um den Beirat bei der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Auf Vorschlag der Fraktion der CDU/CSU sollen der Abgeordnete Tilman Kuban als Nachfolger …
Guten Morgen, alle zusammen! Hiermit eröffne ich unsere Sitzung. Es ist die 102. Sitzung. Bevor wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, in die Tagesordnung eintreten, haben wir noch einige Wahlen gemeinsam durchzuführen. Es geht zunächst um den Beirat bei der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen. Auf Vorschlag der Fraktion der CDU/CSU sollen der Abgeordnete Tilman Kuban als Nachfolger für den Abgeordneten Thomas Bareiß als ordentliches Mitglied sowie als seine persönliche Stellvertretung die Abgeordnete Dr. Inge Gräßle gewählt werden. Der Abgeordnete Joachim Ebmeyer soll als Nachfolger für die ausgeschiedene Abgeordnete Ronja Kemmer mit persönlicher Vertretung durch den Abgeordneten Fabian Gramling gewählt werden. Der Abgeordnete Marvin Schulz soll als persönliche Stellvertretung des Abgeordneten Mark Helfrich gewählt werden. – Ich schaue in die Runde und sehe keinen Widerspruch. Dann sind die Kolleginnen und Kollegen gewählt. In die Parlamentarische Versammlung des Europarates soll auf Vorschlag der Fraktion der CDU/CSU der Abgeordnete Johannes Rothenberger als Nachfolger für die Abgeordnete Dr. Inge Gräßle als ordentliches Mitglied mit persönlicher Stellvertretung durch den Abgeordneten Tilman Kuban für die restliche Amtszeit gewählt werden. Ebenso soll die Abgeordnete Katrin Staffler als Nachfolgerin für die Abgeordnete Dr. Hülya Düber als persönliche Stellvertretung des Abgeordneten Siegfried Walch für die restliche Amtszeit gewählt werden. – Ich glaube, jeder hat es nachvollzogen, und ich sehe, dass Sie auch alle damit einverstanden sind. Dann sind die Kolleginnen und Kollegen gewählt. Es geht weiter mit dem Stiftungsrat der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte. Auf Vorschlag der Fraktion der SPD sollen die Abgeordnete Nancy Faeser als Nachfolgerin für den Abgeordneten Helge Lindh als ordentliches Mitglied und der Abgeordnete Helge Lindh als Nachfolger für die Abgeordnete Nancy Faeser als Stellvertretung gewählt werden. – Auch damit – so sieht es aus – sind sie alle einverstanden. Dann ist das so beschlossen. Wir treten nun ein in die Tagesordnung. Ich rufe die Tagesordnungspunkte 8a bis 8c auf: a) – Zweite und dritte Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Reform der Notfallversorgung Drucksache 21/6808 Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Gesundheit (14. Ausschuss) Drucksache 21/8629 – Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss) gemäß § 96 der Geschäftsordnung Drucksache 21/8630 b) Zweite und dritte Beratung des von den Abgeordneten Dr. Janosch Dahmen, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Dr. Armin Grau, weiteren Abgeordneten und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Reform der Notfallversorgung und des Rettungsdienstes (Notfallgesetz – NotfallG) Drucksache 21/2214 Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Gesundheit (14. Ausschuss) Drucksache 21/8629 c) Beratung der Beschlussempfehlung und des Berichts des Ausschusses für Gesundheit (14. Ausschuss) – zu dem Antrag der Abgeordneten Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD Flächendeckende Einführung und bundeseinheitliche Regulierung von smartphonebasierten Ersthelfer-Alarmierungssystemen – zu dem Antrag der Abgeordneten Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD Medizinische Notfallversorgung schnell, qualitativ hochwertig und bezahlbar gestalten – zu dem Antrag der Abgeordneten Stella Merendino, Nicole Gohlke, Dr. Michael Arndt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke Bedarfsgerechte und krisenfeste Akut- und Notfallversorgung Drucksachen 21/1752, 21/2228, 21/5822, 21/8629 Zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung liegen ein Änderungsantrag sowie ein Entschließungsantrag der Fraktion der AfD vor. Gemeinsam haben wir vereinbart, uns für die Debatte 60 Minuten Zeit zu nehmen. Für die CDU/CSU startet diese Debatte Herr Abgeordneter Dr. Hans Theiss. Bitte sehr. Beifall: Union Beifall: SPD
DR Dr. Hans Theiss Union rede Im Protokoll ↗
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Minister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nach mehreren Anläufen unter wechselnden Bundesregierungen und Ministern beschließen wir heute endlich die Notfallreform. Das ist ein guter Tag für das Gesundheitssystem. Das ist ein guter Tag für unser Land und vor allem für Hilfe suchende Patientinnen und Patienten. Sich im Moment eines Notfalls auf das System verlassen …
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Minister! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Nach mehreren Anläufen unter wechselnden Bundesregierungen und Ministern beschließen wir heute endlich die Notfallreform. Das ist ein guter Tag für das Gesundheitssystem. Das ist ein guter Tag für unser Land und vor allem für Hilfe suchende Patientinnen und Patienten. Beifall: Union Beifall: SPD Beifall: Grüne (einzelne Abg.) Sich im Moment eines Notfalls auf das System verlassen zu können, das gehört zum gesellschaftlichen Urvertrauen. Das ist auch der Ausgangspunkt dieser Reform. – Die Sicherung der Notfallversorgung im ganzen Land, in den großen Städten, aber auch in dünner besiedelten Regionen, auf Inseln und in den Bergen, das ist die Basis unseres Gesundheitswesens. – Die Notfallreform ist deshalb auch ein Quantensprung in der Gesundheitsversorgung und besteht im Wesentlichen aus folgenden Punkten: Erstens: eine bestmögliche Vermittlung der Patienten über den Erstkontakt. Wir schaffen eine effektive digitale Vernetzung der Notrufnummer 112 der Rettungsleitstellen und der Hotline 116 117 des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes – idealerweise auf Basis der elektronischen Patientenakte und unter Nutzung von künstlicher Intelligenz. Elemente davon werden auch im Primärversorgungssystem zum Tragen kommen. Dies ist der entscheidende Schritt zur Entlastung überfüllter Notaufnahmen, zur Umsetzung einer überfälligen Digitalisierung und telemedizinischer Versorgung. Damit soll am Ende jeder Patient die Behandlung bekommen, die er braucht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Beifall: Union Beifall: SPD (einzelne Abg.) Zweitens. Wir schaffen eine effektive Gestaltung des Rettungsdienstes, mit einer differenzierten Vergütung, die die Behandlung auch am Einsatzort abbildet und nur zu notwendigen Transporten ins Krankenhaus führt. Wir haben mit der Reform erstmals eine gesetzliche Absicherung der Finanzierung des Rettungswesens im SGB V verankert. Das ist etwas, das in vorherigen Reformversuchen nicht gelungen ist. Damit wollen wir auch eventuell drohenden Regressnahmen an Patienten oder Kommunen begegnen. Drittens. Wir schaffen flächendeckend Integrierte Notfallzentren, INZ, als sektorübergreifende Notfallversorgungsstrukturen, in denen an einem gemeinsamen Tresen entschieden wird, ob und wie die weitere Behandlung erfolgen wird. INZ bestehen aus Notaufnahmen, Notdienstpraxen der Kassenärztlichen Vereinigung und zentraler Ersteinschätzung. Die Standorte werden nach einheitlichen Kriterien von den Ländern festgelegt. 98 Prozent der Bevölkerung werden innerhalb von 30 Autominuten einen Standort mit Integriertem Notfallzentrum erreichen können. Damit erfüllen wir das Versprechen einer gesicherten Notfallversorgung immer und überall, liebe Kolleginnen und Kollegen. Beifall: Union Beifall: SPD (einzelne Abg.) Viertens. Wir stärken die Luftrettung mit ihren spezifischen Belangen. Gerade auch bei einer Reduzierung der Krankenhausstandorte ist klar: Die Rettung ist gesichert. Fünftens. Mit dem Fachgremium medizinische Notfallrettung aus Vertretern der Länder, der GKV, der Fachgesellschaften und Leistungserbringer wird ein Grundstein bundeseinheitlicher Qualität gelegt. In der Zusammensetzung des Gremiums ist uns wichtig, dass die Luftrettung vertreten sein wird und dass die Rettungsdienste Stimmrecht haben. Ein wesentlicher Fokus dieses Gremiums soll auch sein, dass Notfallsanitäter abschließend vor Ort behandeln können. Beifall: Union Beifall: SPD (einzelne Abg.) Sechstens. Wir beziehen palliative Strukturen und auch die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen in die Notfallrettung in den INZ ein. Gerade für die Schwächsten in unserer Gesellschaft muss die Notfallmedizin funktionieren und individuell angepasst sein. Beifall: Union Beifall: SPD (einzelne Abg.) Beifall: Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) Siebtens. Wir schaffen eine Datenübermittlung an ein Monitoring- und Frühwarnsystem für den missbräuchlichen Konsum von Betäubungsmitteln und psychoaktiven Stoffen. Das soll helfen, frühzeitig neue Drogenwellen zu erkennen. Achtens. Wir regeln, dass im INZ und im aufsuchenden Notdienst Arzneimittel und apothekenpflichtige Medizinprodukte bis zur Packungsgröße N1 abgegeben werden können. Das spart Arzt- und Apothekenbesuche für Patienten und sorgt auch hier für mehr Effizienz. Die Notfallreform spart also Kosten in Höhe von insgesamt 1,2 Milliarden Euro pro Jahr, weil sie das System effizienter macht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Beifall: Union Beifall: SPD (einzelne Abg.) Wir werden außerhalb dieses Gesetzes weiter beraten, wie wir die fallabschließende Arbeit der Notfallsanitäter noch stärken können, wie wir im Bereich der Flugrettung Effizienzen durch arbeitsrechtliche Anpassungen erreichen können und wie wir im Bereich der Palliativversorgung noch vor einer Notfallversorgung ansetzen können. Ich will an dieser Stelle Ihnen, Herr Minister Linnemann, Ihrer Vorgängerin, Frau Ministerin Warken, Frau Parlamentarischer Staatssekretärin Schenderlein und Ihrem Haus ganz herzlich danken, außerdem natürlich Simone Borchardt, Tanja Machalet und Christos Pantazis für die sehr guten, konstruktiven Berichterstattergespräche. Vielen lieben Dank! Beifall: Union Beifall: SPD Liebe Kolleginnen und Kollegen, das vorliegende Gesetz ist ein großer Schritt. Ich freue mich, dass er uns gelungen ist, und bitte um Ihre Zustimmung. Vielen Dank. Beifall: Union Beifall: SPD
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die Fraktion der AfD hat nun Frau Abgeordnete Nicole Hess das Wort. Bitte. Beifall: AfD
NI Nicole Hess AfD rede Im Protokoll ↗
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Eine Frau, hochschwanger mit ihrem Wunschkind, muss mitten in der Nacht ihren Mann reanimieren – 15 Minuten lang. 15 lange Minuten kämpft sie um das Leben ihres Mannes, während der Rettungsdienst von einer weiter entfernten Wache heraneilt. Für diese Frau sind 15 Minuten keine Zahl in einer Statistik. Es ist eine Ewigkeit. …
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Eine Frau, hochschwanger mit ihrem Wunschkind, muss mitten in der Nacht ihren Mann reanimieren – 15 Minuten lang. 15 lange Minuten kämpft sie um das Leben ihres Mannes, während der Rettungsdienst von einer weiter entfernten Wache heraneilt. Für diese Frau sind 15 Minuten keine Zahl in einer Statistik. Es ist eine Ewigkeit. Genau um solche Menschen geht es bei dieser Reform. Aber was steht denn drin? Ersthelfer sollen über Apps alarmiert werden. Ein bundesweites Kataster soll die Standorte von Defibrillatoren anzeigen. So kann Hilfe beginnen, bevor der Rettungswagen eintrifft. Auch die medizinische Versorgung am Einsatzort wird endlich zur eigenständigen Kassenleistung. Ein Patient muss nicht erst ins Krankenhaus transportiert werden, damit seine Behandlung vergütet werden kann. – Das sind vernünftige Ansätze, die wir ausdrücklich begrüßen. Aber jede noch so gute Notfallversorgung steht und fällt mit ihrer Finanzierung. Ihr neuer Änderungsantrag berücksichtigt inzwischen immerhin die Gesamtkosten des Rettungsdienstes und konkretisiert die mögliche Ausnahme von der Beitragssatzstabilität. Allerdings muss weiterhin nachgewiesen werden, dass sämtliche Wirtschaftlichkeitsreserven ausgeschöpft sind und andernfalls die notwendige Versorgung gefährdet wäre. Gerade auf dem Land ist das eine ganz schwierige Rechnung; denn eine Rettungswache kostet schließlich auch dann Geld, wenn kein einziger Einsatz gefahren wird, und Personalfahrzeuge und Ausrüstung müssen bereitstehen, Tag und Nacht. Diese Vorhaltung ist keine Verschwendung. Sie ist unser aller Lebensversicherung. Mit unserem Änderungsantrag wollen wir erreichen, dass die üblichen Vergütungsgrenzen dort nicht gelten, wo eine bedarfsgerechte, flächendeckende und kostendeckende Notfallrettung dies erforderlich macht, Beifall: AfD damit notwendige Rettungswachen und Fahrzeuge nicht erst dann finanziert werden können, wenn Versorgungslücken bereits entstanden sind. Meine Damen und Herren, ein weiterer wichtiger Punkt Ihrer Reform ist die Patientensteuerung. Die 112 und die 116 117 sollen nun digital vernetzt werden. Unser eigenes Konzept geht allerdings weiter: eine einzige zentrale Anlaufstelle für medizinische Notfälle unter der bekannten 112. Denn wer dringend Hilfe braucht, der soll nicht erst nach der korrekten Telefonnummer suchen müssen. Beifall: AfD Gleichzeitig wollen Sie mehr Patienten in die ambulante Versorgung lenken. In geeigneten Fällen sollen sie sogar direkt in Arztpraxen statt ins Krankenhaus gebracht werden können. Das kann durchaus sinnvoll sein. Aber woher um alles in der Welt sollen die zusätzlichen Ärzte denn kommen? Eine Weiterleitung allein schafft schließlich noch keinen freien Behandlungstermin, erst recht dann nicht, wenn Sie gleichzeitig die offenen Sprechstunden wieder in die begrenzten Honorartöpfe zurückführen. Beifall: AfD Sie verlangen also zusätzliche ambulante Versorgung und begrenzen gleichzeitig deren Finanzierung. Meine Damen und Herren, trotz der durchaus vorhandenen positiven Ansätze werden wir diesem Gesetzentwurf nicht zustimmen können; denn was die Koalition hier heute veranstaltet, geht weiter über eine Notfallreform hinaus. Sie benutzen dieses Gesetz als Vehikel, um durch die Hintertür weitreichende Änderungen im Gesundheitswesen durchzusetzen. Die Budgetierung, speziell bei den Psychotherapeuten, und die Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich und bei den Zytostatika werden Leistungserbringer und Patienten gleichermaßen belasten. Besonders gravierend ist jedoch die geplante Abschaffung der Hybrid-DRG. Für betroffene Praxiskliniken und ambulant operierende Einrichtungen kann das existenzbedrohende Folgen haben. Eine Sache ist mir wirklich unbegreiflich: Seit Jahren tragen Sie den Slogan „ambulant vor stationär“ wie eine Monstranz vor sich her, und jetzt gefährden Sie ausgerechnet die wirtschaftliche Grundlage derjenigen, die diese Ambulantisierung längst praktizieren. Beifall: AfD Und über all das soll nun gemeinsam mit dieser wichtigen Notfallreform abgestimmt werden. Das können und werden wir in der Form nicht mittragen. Die Menschen in Deutschland haben einen zuverlässigen Rettungsdienst verdient, und ich kann nur an Sie appellieren, dem Parlament eine saubere Notfallreform vorzulegen, ohne den Versuch, verschiedene medizinische Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen, und mit einer gesicherten Finanzierung. Denn für die hochschwangere Frau, die 15 Minuten lang um das Leben ihres Mannes kämpfen musste, zählt am Ende nicht, wie viel Geld die Krankenkasse eingespart hat, sondern dass ihre kleine Tochter ohne ihren Papa groß werden muss. Danke. Beifall: AfD
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die SPD-Fraktion hat Frau Abgeordnete Dr. Tanja Machelet das Wort. Bitte. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.)
DR Dr. Tanja Machalet SPD rede Im Protokoll ↗
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben hier vor der Sommerpause nach vielen Diskussionen das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Und ja, das war alles nicht schön, und ich habe immer wieder betont, dass es durchaus sinnvoller wäre, erst über die Strukturen und dann übers Geld zu reden. Heute haben wir Änderungen am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorliegen; aber – und das ist …
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben hier vor der Sommerpause nach vielen Diskussionen das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Und ja, das war alles nicht schön, und ich habe immer wieder betont, dass es durchaus sinnvoller wäre, erst über die Strukturen und dann übers Geld zu reden. Heute haben wir Änderungen am GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorliegen; aber – und das ist das Wichtigste – wir haben hier auch eine echte Strukturreform vorliegen. Die Notfallreform ist dringend notwendig. Jeden Tag, an dem sie nicht gilt, warten Menschen zu lange, werden Rettungswagen unnötig gebunden und Notaufnahmen überlastet. Es gab in der letzten Legislaturperiode einen Entwurf der Ampel – ein herzlicher Dank noch mal an Karl Lauterbach für diesen Entwurf –, der die Grundlage für das ist, was wir heute beschließen. Die Anhörung zu dieser damaligen Notfallreform fand am 6. November 2024 nachmittags statt. Abends der Koalitionsbruch! Es hat leider noch knapp zwei Jahre gedauert, bis wir das Thema hier wieder auf der Agenda hatten. Ja, es hätte schneller gehen können, und es hätte auch schneller gehen müssen. Aber es war ein langer und guter Prozess. Es fanden zahlreiche Gespräche statt: mit Hilfsorganisationen, Krankenhäusern, Feuerwehren, der Kassenärztlichen Vereinigung. Und natürlich wurden auch Bedenken geäußert; aber es gab eben auch viel Zuspruch. Die Reform ist notwendig, und deswegen freue ich mich wirklich sehr, dass wir sie jetzt endlich abschließen können, Beifall: SPD nicht um irgendein Gesetzesvorhaben abzuhaken, sondern um die Versorgung der Menschen zu verbessern und ihnen das Leben leichter zu machen. Mit diesem Gesetz gestalten wir die Abläufe im Rettungswesen effizienter. Wir bauen flächendeckend Integrierte Notfallzentren auf und vernetzen die relevanten Stellen digital zu einem Gesundheitsleitsystem. Dadurch entlasten wir die überfüllten Notaufnahmen und ersparen den Rettungswagen und Einsatzkräften unnötige Fahrten. Wir denken die Rettungswege konsequent zusammen, mit verbindlichen Wegen zurück in die ambulante Versorgung. Liebe Kolleginnen und Kollegen, der Kabinettsentwurf war schon sehr gut, aber wir haben ihn im parlamentarischen Verfahren noch verbessern können: bei der Patientensteuerung, bei den Fehlanreizen, an den Schnittstellen. Drei Punkte sind mir besonders wichtig. Erstens. Die Versorgung von Menschen mit Behinderungen wird explizit mitgedacht, insbesondere die von Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Zweitens. Wir haben einheitliche Regeln für die Medikamentenabgabe erreicht, ob im Notdienst, in der Notaufnahme oder in der aufsuchenden Versorgung. Am nächsten Tag muss niemand sofort losrennen, um sich die nächste Verordnung zu besorgen. Damit entlasten wir die Praxen, aber vor allem die Menschen. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Drittens – das ist äußerst wichtig – sichern wir eine auskömmliche Finanzierung des Rettungswesens in allen Bereichen. Die medizinische Notfallrettung muss trotz aller Sparmaßnahmen immer Vorrang haben. Kein Hubschrauber bleibt am Boden, weil das Kerosin zu teuer ist. Eine Reform in dieser Größe bringt niemand allein zustande. Deshalb gilt mein Dank den Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU für die wirklich gute Zusammenarbeit. Liebe Simone, lieber Hans, vielen Dank! Das war wirklich keine Selbstverständlichkeit. Diese Koalition kann Strukturreformen, und das beweisen wir hiermit. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Ebenso bedanke ich mich beim Bundesministerium für Gesundheit. Auch wenn es nicht immer einfach war, hat das Haus unsere Arbeit mit großer Ausdauer vorangetrieben und begleitet. Ich kann nur wieder betonen: Wir haben hier wirklich ein richtig gutes Gesetz vorliegen. Mein Dank gilt überdies auch den Kolleginnen und Kollegen der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, insbesondere dir, lieber Janosch Dahmen, für deine klugen Fragen und Anmerkungen, aber auch für den Druck, den ihr aufgebaut und hochgehalten habt. Beifall: SPD Beifall: Grüne Beifall: Union (einzelne Abg.) Last, but not least – das wird oft vergessen – danke ich auch dem Ausschusssekretariat. Wir haben uns im Ausschuss gestern noch lange beraten, und das Sekretariat war noch lange da, um alles einzuarbeiten, damit unsere Reform heute auch wirklich kommen kann. An dieser Stelle betone ich gerne noch mal, warum diese Reform allen zugutekommt. Sehr geehrte Damen und Herren, Sie können zwar weiterhin die 112 oder die 116 117 anrufen oder direkt ins INZ gehen. Aber danach gibt es eine bundesweit einheitliche Ersteinschätzung, und Sie werden genau dahin gelotst, wo Sie hinmüssen. Das ist ein großer Fortschritt. Es wird einfacher, und es wird sowohl die Menschen als auch das System entlasten. An letzter Stelle möchte ich eine Sache nicht unerwähnt lassen. Das ganze System würde noch besser funktionieren und noch stärker entlastet werden, wenn wir alle wieder besser auf Notsituationen vorbereitet wären. ↳ Dr. Christos Pantazis (SPD): »Ja!« Das hat sich insbesondere gestern auch noch mal gezeigt. Wir haben die Smartphone-basierten Ersthelfer-Alarmierungssysteme in die Reform einbezogen. Das ist sehr gut; da sind viele Ehrenamtliche unterwegs. Aber mal ganz ehrlich: Wann war denn Ihr letzter Erste-Hilfe-Kurs? Deshalb mein Appell als Vorsitzende des Gesundheitsausschusses: Frischen Sie Ihre Kenntnisse auf! Stärken Sie Ihre Erste-Hilfe-Kompetenz – privat oder vielleicht auch im Büro, als Teamevent oder einfach als Schulung! Die Hilfsorganisationen bieten viele Kurse an und freuen sich über jede Person, die im Ernstfall wirklich helfen kann. Lassen Sie uns alle zu Lebensrettern werden! Vielen Dank. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Beifall: Grüne (einzelne Abg.)
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun Herr Abgeordneter Dr. Janosch Dahmen das Wort. Bitte. Beifall: Grüne
DR Dr. Janosch Dahmen Grüne rede Im Protokoll ↗
Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich habe in den vergangenen Jahren als Notarzt unzählige Menschen in medizinischen Notlagen versorgt – in Wohnungen, auf der Straße, in Pflegeheimen. Manchmal ging es um Sekunden, oft um Minuten, manchmal aber auch einfach nur um die Frage, ob nach schwerer Krankheit am Lebensende ein Mensch überhaupt noch ins Krankenhaus muss und wie Menschen …
Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Ich habe in den vergangenen Jahren als Notarzt unzählige Menschen in medizinischen Notlagen versorgt – in Wohnungen, auf der Straße, in Pflegeheimen. Manchmal ging es um Sekunden, oft um Minuten, manchmal aber auch einfach nur um die Frage, ob nach schwerer Krankheit am Lebensende ein Mensch überhaupt noch ins Krankenhaus muss und wie Menschen pflegerisch oder notfallmedizinisch in Notlagen am besten versorgt werden können in einem System, das bisher oft eher einem Dschungel glich, unabgestimmt war und bei dem die richtige Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort oft nicht zu finden war. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass nicht medizinische Probleme, sondern die Organisation unserer Versorgung zum Problem sowohl für das Personal als auch für Patientinnen und Patienten geworden ist: dass lebensrettende Ersthelfer bei einer Reanimation und überbrückende Hilfe bis zum Eintreffen professioneller Hilfe nicht verfügbar waren, dass Rettungswagen vor überfüllten Notaufnahmen gebunden waren und die Patienten noch nicht übergeben werden konnten, dass Menschen im Krankenhaus gelandet sind, weil ambulante Hilfe nicht verfügbar war, und dass hochqualifizierte Kolleginnen und Kollegen unter der Last des Systems vor die Hunde gegangen sind, weil sie viel zu oft die falsche Versorgung zur falschen Zeit am falschen Ort für gottgegeben gehalten haben. Das waren einige der Gründe für mich ganz persönlich, warum ich in die Politik gegangen bin. Ich wollte nicht mehr nur über diese Folgen klagen, im Alltag mit dieser Fehlsteuerung umgehen müssen, sondern diese Strukturen verändern, die sie hervorgebracht haben und die für Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen oft Last und Leid bedeuten. Deshalb bedeutet mir die heutige Entscheidung auch persönlich viel. Nach sechs Jahren intensiver fachlicher, politischer Auseinandersetzungen beschließen wir heute hier im Hohen Haus endlich eine grundlegende Reform der Notfallversorgung. Und das ist gut für dieses Land. Beifall: Grüne Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Viele Ihrer zentralen Regelungen haben auch wir als Grüne in der Ampelzeit mit vorbereitet, und wir haben das Vorhaben der Koalitionsfraktionen hier sehr konstruktiv und kritisch im Ausschuss, in den parlamentarischen Beratungen begleitet, sodass wir sagen können, dass viele Veränderungen in diesem Gesetz nun in einer Art und Weise vorgelegt werden, die das Leben der Menschen in Not- und Akutsituationen in diesem Land wirklich besser machen: Beifall: Grüne Beifall: SPD (einzelne Abg.) durch die Einführung von Integrierten Notfallzentren, durch die Einführung von Ersthelfern, durch die Verschaltung der Notrufnummern 112 und 116 117, damit Menschen im Notfall nicht überlegen müssen, welche Nummer sie anrufen, sondern zur richtigen Stelle geleitet werden, durch aufsuchende Dienste oder telemedizinische Beratung, die Menschen am Unfallort so versorgen, dass sie erst gar nicht ins Krankenhaus müssen. Das sorgt für bessere Qualität und spart dem System insgesamt am Ende auch noch Geld. Wir entlasten das Personal. Das sind Dinge, die gut sind. Trotzdem bleiben mir an dieser Stelle drei Dinge der Kritik, die ich Ihnen für weitere Gesetzgebungsverfahren mit auf den Weg geben will: Erstens. Das Zusammenspiel des Krankenkassenspargesetzes mit dieser Notfallreform ist ein Problem. Die Verknappung ambulanter Arzttermine, Facharzttermine, Hausarzttermine, führt dazu, dass Menschen, die laut Notfallreform richtigerweise nicht ins Krankenhaus gehen sollen, oft zwar gesteuert werden können, sich dann aber die Frage stellt: „Wohin?“, wenn Arzttermine nicht verfügbar sind. Beifall: Grüne Die Auswirkungen der pauschalen Kürzungen in der ambulanten Versorgung sind ein Problem. Zweitens. Die Finanzierung der Notfallaufnahmen in Deutschland ist aktuell nicht gut geregelt. ↳ Johannes Wagner (Grüne): »Richtig!« Wir haben eine Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung und gleichzeitig Fehlanreize, Patienten stationär aufzunehmen. Sie müssen dieses Segment auflösen, sonst werden Krankenhäuser gezwungen sein, aus wirtschaftlichen und nicht aus medizinischen Gründen Patienten stationär aufzunehmen, wo das eigentlich nicht indiziert ist. Beifall: Grüne Diesen Teil nachzubessern, wird Aufgabe weiterer Gesetzgebungsverfahren sein. Drittens. Ich halte es für wichtig, dass wir in einer älter werdenden und immer mehr chronisch kranken Gesellschaft gerade für Menschen, die in notfallpflegerischen Situationen sind, gerade für Menschen, die in notfallpalliativen Situationen am Lebensende sind, eine spezielle ambulante Versorgung in unserer Sozialgesetzgebung verankern, damit sie besser versorgt werden können. Beifall: Grüne Hierfür hatten wir Ihnen konkrete Vorschläge in Änderungsanträgen vorgelegt. Wir sehen, dass Sie die nicht aufgegriffen haben. Trotzdem ist dieses Gesetz ein großer Fortschritt für das Land. Deshalb werden wir zustimmen, und wir tragen diese Entscheidung mit. Ich will trotzdem sagen, dass Sie dieses Gesetzgebungsverfahren auch nutzen, um Nachbesserungen am Beitragssatzstabilisierungsgesetz, dem Krankenkassenspargesetz, nach nicht einmal drei Monaten fachfremd vorzunehmen. Das spricht schon eine ganz eigene Sprache. Hier sind teilweise Regelungen drin, die wir als Verbesserungen mittragen, und andererseits Regelungen, die wir kritisieren, etwa, dass Sie die Regelung zu den Kinderkrankentagen auslaufen lassen. Das ist nicht richtig. Beifall: Grüne Herr Minister, ich komme zum Ende. Sie haben pflegende Angehörige zu Recht als Alltagshelden bezeichnet.
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Danke schön; Ihre Redezeit ist abgelaufen.
DR Dr. Janosch Dahmen Grüne kurz Im Protokoll ↗
Auch Eltern, die kranke Kinder pflegen, sind Alltagshelden. Beifall: Grüne
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Vielen Dank Ihnen.
DR Dr. Janosch Dahmen Grüne kurz Im Protokoll ↗
Wir finden es richtig, wenn die Regelungen bestehen bleiben.
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Sie haben angekündigt, zum Ende zu kommen.
DR Dr. Janosch Dahmen Grüne kurz Im Protokoll ↗
An dieser Stelle: Vielen Dank. Beifall: Grüne Wir freuen uns – –
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Nein, danke schön. – Also, auch wenn man sich wegbewegt, ist die Zeit um. Netter Versuch! Heiterkeit: Grüne Wir machen weiter: Fraktion Die Linke, Frau Abgeordnete Stella Merendino. Bitte. Beifall: Linke
ST Stella Merendino Linke rede Im Protokoll ↗
Frau Präsidentin! Herr Minister! Liebe Rettungskräfte auf der Tribüne! „Rettungswagen wegen Personalmangels unbesetzt“, „Notaufnahmen am Limit“, „Patienten müssen stundenlang warten“: Solche Schlagzeilen haben uns durch das ganze Jahr begleitet. Dahinter stehen Menschen, die auf Hilfe warten und gerettet werden müssen. Dahinter stehen aber auch Menschen, die diese retten und jeden Tag versuchen, dieses System am Laufen zu halten. Wer eine …
Frau Präsidentin! Herr Minister! Liebe Rettungskräfte auf der Tribüne! „Rettungswagen wegen Personalmangels unbesetzt“, „Notaufnahmen am Limit“, „Patienten müssen stundenlang warten“: Solche Schlagzeilen haben uns durch das ganze Jahr begleitet. Dahinter stehen Menschen, die auf Hilfe warten und gerettet werden müssen. Dahinter stehen aber auch Menschen, die diese retten und jeden Tag versuchen, dieses System am Laufen zu halten. Wer eine Notfallreform auf den Weg bringt, sollte deshalb zuerst diejenigen fragen, die diese Arbeit täglich machen. Wir als Linke haben das getan. Knapp 8 000 Rettungskräfte haben an unserer Umfrage „Status Rettungsdienst“ teilgenommen. Wir hatten 300 von ihnen bei unserer Konferenz hier im Bundestag. Das Ergebnis ist ein Notruf an die Politik. Die Beschäftigten berichten von Überlastung, von fehlendem Personal, ↳ Simone Borchardt (Union) von einer Versorgung, deren Sicherstellung zunehmend unter Druck gerät. Rettungsdienste und Notaufnahmen sind längst zum Auffangbecken eines lückenhaften Gesundheitssystems geworden. Wenn sonst niemand mehr erreichbar ist, landen die Menschen bei ihnen. Gemeinsam mit diesen Rettungskräften haben wir deshalb hier im Bundestag erarbeitet, was sich ändern muss. Gemeinsam mit den Beschäftigten ist daraus unser Antrag entstanden. Gemeinsam mit der Björn-Steiger-Stiftung, durch die es den Notruf 112 überhaupt gibt, sind unsere Änderungsanträge zu Ihrem Gesetz entstanden, liebe Kolleginnen und Kollegen. Und nun liegt Ihre Reform vor. Ja, sie enthält einen wichtigen Fortschritt: Die medizinische Notfallrettung wird endlich als eigenständige Leistung im SGB V anerkannt und nicht mehr nur über den Transport definiert. – Aber die Anerkennung einer Leistung ersetzt noch lange nicht die Menschen, die diese erbringen. Bei bundeseinheitlichen Standards verweisen Sie auf die Länder. Die Steuerung überlassen sie der Kassenärztlichen Vereinigung, und Sie machen die Eintreffzeiten eines Bereitschaftsarztes zur unverbindlichen Zielgröße. Sanktionen bei Nichteinhaltung gibt es nicht. Es ist also alles, wie es vorher war, und noch schlimmer. Von besseren Arbeitsbedingungen auch kein Wort, und das ist eine echte Schande. Beifall: Linke Stattdessen deckeln Sie die Finanzierung der Notfallrettung, und eine Refinanzierung machen Sie nur nach Überwindung bürokratischer Hürden möglich. Im neuen Fachgremium sichern Sie den Krankenkassen 16 Sitze zu. Eine eigenständige Vertretung der Rettungskräfte garantieren Sie hingegen nicht. Diejenigen, die 1,1 Milliarden Euro in dubiosen Investmentdeals verzockt haben, bekommen einen festen Platz am Tisch – 16-fach. Und diejenigen, die jeden Tag Menschenleben retten? Nicht sicher! ↳ Nicole Gohlke (Linke): »Unfassbar!« Dieses System funktioniert nur noch, weil die Beschäftigten täglich über ihre Grenzen hinausgehen – auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit. Und Sie nutzen das schamlos aus. Tausende Rettungskräfte haben sich an uns gewandt; viele haben Ihnen, Herr Minister, persönliche Botschaften geschrieben. Deshalb lese ich Ihnen einen Appell vor: Wir alle retten täglich Menschenleben; aber Sie müssen das System retten. Zuallerletzt. Liebe Disponentinnen, liebe Notaufnahme, liebe Mitarbeitenden, liebe Krankentransportler, liebe Rettungskräfte, ich weiß, ihr fühlt euch nicht gehört, nicht gesehen. Ihr seid sauer, und das zu Recht. Beifall: Linke Aber wir als Linke werden auch nach dieser Reform weiter für euch kämpfen. Vielen Dank für euren Einsatz! Und ich danke erneut den Kolleginnen und Kollegen von der Rettung auf der Tribüne. Beifall: Linke
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die Bundesregierung hat nun der Bundesminister für Gesundheit, Dr. Carsten Linnemann, das Wort. Bitte. Beifall: Union Beifall: SPD
DR Dr. Carsten Linnemann Bundesminister für Gesundheit regierung Im Protokoll ↗
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen! Meine Herren! Ich hatte vorgestern ein interessantes Gespräch mit einem leitenden Notarzt aus der Region Berlin/Brandenburg. Er meinte, nach seinem Bauchgefühl würde er sagen, dass 30 Prozent der Patienten und Patientinnen, die die Notaufnahme aufsuchen, eigentlich keine medizinischen Notfälle sind. Natürlich benötigten diese Menschen Hilfe, so der Mediziner, aber an der richtigen …
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen! Meine Herren! Ich hatte vorgestern ein interessantes Gespräch mit einem leitenden Notarzt aus der Region Berlin/Brandenburg. Er meinte, nach seinem Bauchgefühl würde er sagen, dass 30 Prozent der Patienten und Patientinnen, die die Notaufnahme aufsuchen, ↳ Mirze Edis (Linke): »Lauter!« eigentlich keine medizinischen Notfälle sind. Natürlich benötigten diese Menschen Hilfe, so der Mediziner, aber an der richtigen Stelle. Die Wege durch unser Gesundheitssystem würden nicht gut genug funktionieren, so der Notarzt. Viele Menschen wüssten oft nicht, wohin sie sich wenden sollten. Der Notarzt brachte es anschließend auf den Punkt: Was fehlen würde, sei ein Notfallwegweiser. Mit der heutigen Notfallreform bringen wir diesen Notfallwegweiser auf den Weg. Auch der Leiter der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Dr. Ulrich Mayer-Runge, bestätigt diesen Befund. Er sagt: Stellt sich am Ende heraus, dass es ein gewöhnliches Erkrankungsbild wie eine Erkältung ist, die auch der Hausarzt hätte behandeln können, dann fehlt die Zeit, die die Notärztin oder der Notarzt bei diesem Patienten aufgewendet hat, vielleicht bei einem anderen dringender zu behandelnden Patienten. – Genau das belegen Studien. Grob ein Drittel der Menschen, die die Notaufnahme aufsuchen, ist nach Einschätzung der Notfallmediziner kein wirklicher Notfall. In anderen Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark ist die Zahl viel geringer. Sie gelten schon lange als Vorbild, weil sie sich eine richtig gute Patientensteuerung und eine klasse Vernetzung der Leitstellen organisiert haben. Genau hier setzen wir heute an: Das setzen wir um, sodass auch wir diese Patientensteuerung und diese Vernetzung der Leitstellen bekommen. Beifall: Union Beifall: SPD Künftig soll in einer fachlichen Ersteinschätzung, telefonisch oder vor Ort, festgelegt werden, welche Hilfe jemand braucht. Die Telefonnummer 112 und die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 werden miteinander verzahnt. Je nach Dringlichkeit werden dann die Patienten in eine Arztpraxis, in eine Notdienstpraxis oder in die Notaufnahme einer Klinik vermittelt, je nach Schwere mit oder ohne Rettungsdienst. Kernstück der Reform sind Integrierte Notfallzentren, die an vielen Kliniken angedockt werden sollen. Hier kann ebenso eine medizinische Ersteinschätzung vorgenommen werden und dann an eine angeschlossene Notdienstpraxis oder direkt in die Notaufnahme vermittelt werden. Mit diesem Notfallwegweiser kommen die Patienten so immer an die richtige Stelle. Die Notaufnahmen werden entlastet und können sich in Zukunft auf die Fälle konzentrieren, die wirklich schnelle Hilfe brauchen. Im Übrigen wird durch diese Reform unser Gesundheitssystem auch effizienter. Wir gehen besser mit finanziellen Ressourcen um. Wenn Rettungsdienste unnötig gebunden werden und Notaufnahmen vermeidbare Behandlungsfälle übernehmen, entstehen Kosten. Allein die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die Rettungsdienstfahrten im Jahr 2025 lagen bei über 10 Milliarden Euro. Dabei geht es freilich nicht darum – ich habe es erwähnt –, an medizinisch notwendiger Versorgung zu sparen. Wir müssen vielmehr Qualität und Wirtschaftlichkeit stärker zusammenbringen. Auch hier setzt die Reform an. Beifall: Union Beifall: SPD Liebe Kolleginnen und Kollegen, an dieser Reform haben viele Gesundheitsminister gearbeitet. Ich möchte mich bedanken bei Jens Spahn, bei Karl Lauterbach, aber auch bei Nina Warken; es ist deren Arbeit. Aus verschiedensten Gründen hat es so lange gedauert. Aber es ist richtig, dass die Reform jetzt kommt. Deswegen bedanke ich mich auch bei den Berichterstattern. Das ist wirklich mal ein Gesetz, das das System besser macht und bei dem wir zwar in der Sache gestritten haben, ja, aber bei dem wir alle das gleiche Ziel hatten, nämlich diese Notfallreform umzusetzen. Sie ist überfällig – wir haben sie lange diskutiert –, und jetzt kommt sie. Vielleicht darf ich abschließend noch einen anderen Punkt bringen. Mit dem Notarzt habe ich auch über ein anderes Thema gesprochen; das hallt bis heute nach – heute ist auch das THW hier im Hause –: Er hat mir berichtet, dass er inzwischen bei jedem 20. Rettungseinsatz die Polizei dazuholt. Ich finde, hier werden Grenzen überschritten. Beifall: Union Beifall: SPD Beifall: AfD (einzelne Abg.) Insgesamt sind derzeit rund 3 000 Einsatzkräfte von Rettungsdiensten und THW jährlich von Gewalttaten betroffen. Dazu zählen leider auch immer mehr Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, die in der Notfallaufnahme im Krankenhaus oder außerhalb in medizinischen Einrichtungen angegriffen werden. Ob dieses Befundes werden wir neben der Notfallreform noch etwas anderes verabschieden. Wir haben nämlich im Kabinett eine Entscheidung getroffen, die das Strafgesetzbuch betrifft. In Zukunft drohen empfindliche, spürbare Freiheitsstrafen; denn wer Rettungssanitäter, Notärzte oder unser Pflegepersonal angreift, der greift unsere Gesellschaft und damit den Zusammenhalt an. Beifall: Union Beifall: SPD Beifall: Grüne (einzelne Abg.) Beifall: Jan Krampe (Linke) Diese an der Notfallversorgung beteiligten Menschen sind 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, an Wochenenden und an Feiertagen für uns alle da. Man sagt das immer so locker daher. Aber es ist der Wahnsinn, was diese Menschen leisten. Und deswegen müssen wir uns mit aller Wucht hinter sie stellen. Die Reform der Notfallversorgung – und das sage ich auch – wird fraglos nicht alle Probleme lösen, aber sie wird einen ganz wichtigen Punkt angehen, nämlich die Patientensteuerung. Wir werden mit dem Thema Primärversorgung weitermachen. Das alles braucht bei der Umsetzung und bei Investitionen Zeit; und es erfordert auch die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Ich möchte mich abschließend bedanken, dass wir bei diesen Reformen, bei denen es nicht nur um die Sache geht, sondern auch um 84 Millionen Menschen, für die wir da sein müssen, so konstruktiv – vielleicht darf ich es an dieser Stelle sagen – und auch parteiübergreifend zusammenarbeiten. Vielen Dank. Beifall: Union Beifall: SPD Beifall: Grüne (einzelne Abg.)
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die Fraktion der AfD hat Herr Abgeordneter Alexis Giersch das Wort. Bitte. Beifall: AfD
AL Alexis L. Giersch AfD rede Im Protokoll ↗
Frau Präsidentin! Kollegen! Liebe Landsleute! Wir debattieren das Gesetz zur Reform der Notfallversorgung. Die Beschäftigten im Gesundheitssystem kennen die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und sie wissen, dass wir Verbesserungspotenzial haben. Gestern in der Regierungserklärung forderte Kanzler Merz von Ihnen, Kollegen in der Koalition, „schöpferische Anstrengungen“. Leider kommt dieser Wunsch zu spät für dieses Gesetz. Denn die öffentliche Anhörung zu …
Frau Präsidentin! Kollegen! Liebe Landsleute! Wir debattieren das Gesetz zur Reform der Notfallversorgung. Die Beschäftigten im Gesundheitssystem kennen die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und sie wissen, dass wir Verbesserungspotenzial haben. Gestern in der Regierungserklärung forderte Kanzler Merz von Ihnen, Kollegen in der Koalition, „schöpferische Anstrengungen“. Leider kommt dieser Wunsch zu spät für dieses Gesetz. ↳ Dr. Ralf Stegner (SPD) Denn die öffentliche Anhörung zu diesem Gesetz hat gezeigt, dass nicht alle Sachverständigen diesen Gesetzentwurf befürworten. Beifall: AfD Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beispielsweise hat darauf hingewiesen, dass die Zusatzbelastungen und Folgekosten für die Hausärzte unterfinanziert sind. Ich kann mich gut erinnern, dass bereits Anfang der 1980er-Jahre die Themen diskutiert wurden, über die wir heute wieder sprechen, also Vorhaltekosten für den Rettungsdienst, Fehleinsätze von Rettungsfahrzeugen, die Verbesserung des hausärztlichen Bereitschaftsdienstes, die Verbesserung der Notfallambulanzen usw. Ja, mir ist – das fällt mir dazu ein – die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth mit dem Satz im Gedächtnis geblieben: „In einer Demokratie brauchen Entscheidungen Zeit. Nur die Diktatur ist schnell.“ Beifall: AfD (einzelne Abg.) Insofern kann ich mich glücklich schätzen, dass ich miterleben kann, dass jetzt ein Gesetz vorgelegt wird, das die Probleme lösen soll, die schon in meiner Jugend als Problem diskutiert wurden. Liebe Bürger, zum Glück passieren Notfälle nicht am laufenden Band. Deshalb entstehen Vorhaltekosten im Rettungsdienst. Wenn Sie in einen Unfall verwickelt sind oder einen internistischen Notfall haben, dann hoffen Sie, dass ein Rettungswagen oder ein Notarzt nach einem Notruf möglichst schnell bei Ihnen sein kann. Es ist auch normal, dass Bürger ohne medizinische Ausbildung nicht sicher beurteilen können, ob ihr subjektiv empfundener Notfall tatsächlich lebensbedrohlich ist. Das führt zu Fehleinsätzen. Das Ziel, das mit diesem Gesetz verfolgt wird, ist klar: Der Rettungsdienst muss konsequent von Fällen entlastet werden, die keine Notfallversorgung benötigen. Dazu soll die Patientensteuerung verbessert werden; denn seit Jahren steigt die Zahl der Rettungsdiensteinsätze. Die Patienten werden dann oft in Krankenhäuser transportiert, obwohl ein Hausarztbesuch für die Patienten die bessere Lösung gewesen wäre. Aber eine Reform ist nicht deshalb automatisch gut, weil ihr das Etikett „Reform“ angeheftet wird. Für die Umsetzung Ihres Gesetzes benötigen Sie nämlich mehr medizinisches Fachpersonal und mehr Ärzte, beispielsweise auch für die geplanten telemedizinischen Angebote. Diese Aufgabe sollen auch Kassenärzte übernehmen. Dabei ist bekannt, dass in den Flächenländern bereits heute fast 1 500 niedergelassene Hausärzte fehlen. Der Grund dafür liegt in den Fehlanreizen, die Sie politisch gesetzt haben. Mit dem GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, das Sie vor der Sommerpause durchgesetzt haben, wollen Sie nämlich im Prinzip Personal im Gesundheitssystem reduzieren. Erst verabschieden Sie also ein Gesetz, das Anreize dafür setzt, dass Ärzte ins Ausland abwandern, und jetzt verabschieden Sie ein Gesetz, das den Bedarf an Ärzten zusätzlich erhöht. Klingt logisch! Beifall: AfD Herr Minister Linnemann, Ihre Amtsvorgängerin hat behauptet, das Beitragssatzstabilisierungsgesetz sei gut vorbereitet. Trotzdem wollen Sie es jetzt im Anhang mit diesem Gesetz nur vier Monate später schon wieder ändern. Dazu kann ich nur sagen: Tolle Leistung! Und ich spekuliere jetzt mal: Spätestens im nächsten Jahr werden wir erneut über die Notfallversorgung und über die Krankenkassenbeiträge debattieren. Wir von der Fraktion der Alternative für Deutschland haben in unseren Änderungsanträgen darauf hingewiesen, dass eine qualifizierte Versorgung durch Hausärzte unnötige Rettungsdiensteinsätze reduziert. Die hausärztliche Versorgung müssen wir deshalb vorrangig verbessern. Beifall: AfD In Ihrem Gesetz – das erstaunt wahrscheinlich niemanden – erkennen wir keinen großen Wurf, nur zaghafte Trippelschritte. Deswegen werden wir nicht zustimmen.
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Danke schön. Ihre Redezeit.
AL Alexis L. Giersch AfD kurz Im Protokoll ↗
Wir werden uns enthalten. Vielen Dank. Beifall: AfD
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für die Fraktion der SPD hat Herr Abgeordneter Dr. Christos Pantazis das Wort. Bitte. Beifall: SPD Beifall: Union
DR Dr. Christos Pantazis SPD rede Im Protokoll ↗
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Aller guten Dinge sind drei, würde man sagen. Denn nach mehreren Anläufen bringen wir heute eine Reform der Notfallversorgung zum Abschluss, die unser Land seit Jahren dringend braucht. Bei allen politischen Debatten dieser Tage dürfen wir eins nicht übersehen: Diese Koalition übernimmt Verantwortung. Sie stabilisiert, sie modernisiert, und, wie meine Kollegin Machalet …
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Aller guten Dinge sind drei, würde man sagen. Denn nach mehreren Anläufen bringen wir heute eine Reform der Notfallversorgung zum Abschluss, die unser Land seit Jahren dringend braucht. Beifall: SPD Beifall: Union (einzelne Abg.) Beifall: Dr. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) Bei allen politischen Debatten dieser Tage dürfen wir eins nicht übersehen: Diese Koalition übernimmt Verantwortung. Sie stabilisiert, sie modernisiert, und, wie meine Kollegin Machalet gesagt hat, sie reformiert. Mit der Notfallreform vernetzen wir die Telefonnummer 112 mit der 116 117, schaffen Integrierte Notfallzentren und sorgen für eine bessere Patientensteuerung. Denn nicht jeder medizinische Notfall gehört in eine Krankenhausnotaufnahme. Aber jeder Mensch muss sich darauf verlassen können, im Ernstfall die richtige Hilfe zu bekommen. Beifall: SPD Beifall: Union Meine Kollegin Tanja Machalet hat die Bedeutung dieser Reform bereits ausführlich dargestellt. Ich möchte deshalb den Blick auf das richten, was wir in dieser Woche darüber hinaus erreicht haben. Liebe Kolleginnen und Kollegen, gestern hat der GKV-Schätzerkreis seine Ergebnisse für 2027 vorgelegt. ↳ Simone Borchardt (Union): »Genau so ist es!« Und das ist eine erfreuliche Nachricht: Der rechnerisch notwendige durchschnittliche Zusatzbeitragssatz bleibt stabil bei 2,9 Prozent, Beifall: SPD Beifall: Union trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, trotz eines Konsolidierungsbedarfs, der während unserer Beratungen von 15,3 Milliarden Euro auf 18,8 Milliarden Euro gestiegen ist. Das ist ein wichtiges Signal für rund 75 Millionen gesetzlich Versicherte, für Beschäftigte, Arbeitgeber und unseren Wirtschaftsstandort. Und die Prognose zeigt: Unsere Anstrengungen zur Stabilisierung der GKV-Finanzen tragen Früchte. Besonders wichtig ist mir: Wir haben die Konsolidierung sozial ausgewogener gestaltet. Den vorgesehenen Anteil der unmittelbar von den Versicherten zu tragenden Maßnahmen konnten wir von ursprünglich 26 Prozent auf perspektivisch rund 14 Prozent reduzieren. Das ist für uns eine Frage der Gerechtigkeit. Beifall: SPD Meine Damen und Herren, das Beitragssatzstabilisierungsgesetz war eine schwierige, aber notwendige Entscheidung. Es ist ein Kostendämpfungsgesetz gewesen, keine Strukturreform. Und wir haben von Anfang an gesagt: Wo Korrekturen notwendig sind, steuern wir nach. Genau das tun wir heute. Erstens. Wir stärken unsere Haus- und Kinderärzte. Wir streichen den mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorgesehenen Fixkostendegressionsabschlag für die hausarztzentrierte Versorgung. Denn wer zusätzliche Patientinnen und Patienten behandelt, darf dafür nicht mit sinkender Vergütung bestraft werden. Zweitens. Wir verbessern die psychotherapeutische Versorgung. Wir haben im Sommer Verbesserungen zugesagt, und wir halten Wort. Beifall: SPD Beifall: Union Wir weiten die extrabudgetäre Vergütung aus auf Kinder und Jugendliche, schwer psychisch erkrankte Menschen und dringliche Behandlungsfälle. Wir schützen begonnene Therapien vor Mengenbegrenzungen und schaffen verbindliche Kriterien zur Feststellung der Dringlichkeit. ↳ Ates Gürpinar (Linke): »Habt ihr vor der Sommerpause selbst gemacht! Jetzt feier dich nicht so!« Denn wer dringend psychotherapeutische Hilfe braucht, darf nicht an Vergütungsgrenzen scheitern. Drittens. Wir stärken die Rechte der Versicherten. Wir stellen die Informationspflicht der Krankenkassen bei Zusatzbeitragserhöhungen wieder her: digital vor analog; aber so, dass die Information die Menschen erreicht. ↳ Ates Gürpinar (Linke): »Und die Versicherungen müssen wieder informieren! Großartig!« Mit verbindlichen Terminmeldepflichten schaffen wir zugleich bessere Voraussetzungen für eine wirksame Terminvermittlung. Denn Patientensteuerung funktioniert nur, wenn Behandlungstermine auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir setzen mit diesem Änderungspaket zugleich die Protokollerklärung der Bundesregierung gegenüber den Ländern um. Das bedeutet 550 Millionen Euro zusätzlich für unsere Krankenhäuser, Jahr für Jahr: 100 Millionen Euro für die Universitätskliniken, 450 Millionen Euro für weitere Krankenhäuser. Diese Mittel finanzieren wir gegen; denn auch das gehört zu verantwortungsvoller Gesundheitspolitik dazu. Und wir haben uns erfolgreich dafür eingesetzt, zusätzliche Ausschreibungen bei Zytostatika zu verhindern. Gerade bei schwer krebskranken Menschen muss die Versorgungssicherheit an erster Stelle stehen. Aber eines ist ebenso klar: Wir können unser Gesundheitswesen nicht dauerhaft allein durch Sparmaßnahmen stabilisieren. Wir brauchen strukturelle Veränderungen. Genau deshalb treiben wir unsere gesundheitspolitische Reformagenda voran: mit dem Krankenhausreformanpassungsgesetz, der Apothekenreform, heute der Notfallreform und als nächsten großen Schritt mit unserem modernen Primärversorgungssystem. Beifall: SPD Beifall: Union Auch mit der politisch vereinbarten Zuckersteuer, also der Steuer auf zuckergesüßte Getränke, wollen wir die Prävention stärken; denn gute Gesundheitspolitik beginnt nicht erst dann, wenn Menschen krank werden. Meine Damen und Herren, all diese Vorhaben verbindet ein gemeinsamer Anspruch: Wir wollen die vorhandenen Mittel verantwortungsvoll einsetzen, die Versorgung verbessern und die solidarische Finanzierung unseres Gesundheitswesens dauerhaft sichern – nicht als Selbstzweck, sondern für die Menschen, die auf gute medizinische Versorgung angewiesen sind, für diejenigen, die täglich in unseren Praxen, Krankenhäusern und Rettungsdiensten arbeiten, und für alle, die dieses solidarische System finanzieren. Denn eines bleibt unser Maßstab: Wir stabilisieren heute, wir reformieren für morgen, und wir sichern damit die solidarische Gesundheitsversorgung von übermorgen. Dafür übernehmen wir heute Verantwortung. Daran arbeiten wir, und daran lassen wir uns auch sehr gerne messen. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Beifall: SPD Beifall: Union
JU Julia Klöckner Präsidentin sitzungsleitung Im Protokoll ↗
Für Bündnis 90/Die Grünen hat nun Frau Abgeordnete Dr. Kirsten Kappert-Gonther – wir haben heute eine hohe Promotionsdichte in dieser Debatte – das Wort. Bitte. Beifall: Grüne
DR Dr. Kirsten Kappert-Gonther Grüne rede Im Protokoll ↗
Danke. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Psychische Hilfen sind kein Nice-to-have. Wer psychisch krank ist, muss Hilfe bekommen. Die Realität aber zeigt eine extrem angespannte Versorgungslage. Die Schere zwischen Hilfebedarf und Hilfsangeboten geht immer weiter auseinander. Das verschärft das Leid der Betroffenen; das ist das Schlimmste. Aber es kommt uns alle auch teuer zu stehen: Bei der Psychotherapie …
Danke. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen! Psychische Hilfen sind kein Nice-to-have. Wer psychisch krank ist, muss Hilfe bekommen. Beifall: Grüne Die Realität aber zeigt eine extrem angespannte Versorgungslage. Die Schere zwischen Hilfebedarf und Hilfsangeboten geht immer weiter auseinander. Das verschärft das Leid der Betroffenen; das ist das Schlimmste. Aber es kommt uns alle auch teuer zu stehen: Bei der Psychotherapie zu sparen, bedeutet mehr Chronifizierung, mehr AUs, mehr stationäre Aufenthalte, mehr Frühverrentung. Und das ist teuer. Und mehr noch: Wenn Menschen in psychischen Krisen alleine bleiben, Kinder monatelang auf einen Therapieplatz warten, schwächt das nicht nur unsere seelische Gesundheit, sondern es erhöht auch den Druck auf die Seelen und auf die Demokratie. Denn es schwächt Vertrauen in einen funktionierenden Staat und damit in unsere Demokratie. Beifall: Grüne Mit den Kürzungen, die Sie im Beitragssatzstabilisierungsgesetz für die Psychotherapie vorgesehen haben, haben Sie die Axt an die Psychotherapie der Zukunft gelegt. Diese Kürzungen waren verantwortungslos. Beifall: Grüne Ich bin dankbar, dass es in diesem Bundestag möglich ist, dass Sie von der Koalition den Verbänden, den Betroffenen und auch der Opposition zugehört haben und jetzt Korrekturen an diesem Beitragssatzstabilisierungsgesetz vornehmen. Wir erkennen ausdrücklich an, dass das relevante Korrekturen sind; es ist viel Sinnvolles dabei. Aber das darf nicht das Ende des Weges sein. Beifall: Grüne Beifall: Ates Gürpinar (Linke) Ich bitte Sie: Lassen Sie uns gemeinsam die Weichen stellen für eine bessere Versorgung psychisch Kranker in der Zukunft! Bringen Sie die Reform der Bedarfsplanung auf den Weg! Beifall: Grüne Beifall: AfD (einzelne Abg.) Es kann doch nicht sein, dass wir hier immer noch mit Zahlen aus den 90er-Jahren agieren, während sich der Hilfebedarf seitdem mindestens verdoppelt hat. Stellen Sie die Finanzierung der Weiterbildung sicher! Schließen Sie die klaffenden Lücken in der psychiatrischen Versorgung! Beifall: Grüne Beifall: AfD (einzelne Abg.) Modelle nach § 64b SGB V, Stationsäquivalente Behandlung und Psychiatrische Institutsambulanz, müssen gestärkt werden. Die Evidenz ist da. Und last, but not least: Prävention. Unsere Welt ist derzeit so eingerichtet, dass sie eher der Seele schadet, und das darf doch so nicht bleiben. Verbindung, Zusammenhalt, Gestaltungskraft, Gerechtigkeit, Zuversicht: Das stärkt die seelische Gesundheit.– Ich bitte Sie: Lassen Sie uns gemeinsam eine seelenfreundliche Politik gestalten! Danke schön. Beifall: Grüne